Deutschland ist das Land der Dichter und Denker. Wir sind bekannt für Schlagermusik, Bier, Fußball, das Oktoberfest und ja, auch für unsere sehr ausgeprägte Bürokratie. Was Deutschland leider noch nicht ist: ein Fahrradland. Trotz der deutschen Fahrradvergangenheit… Immerhin setzte der gebürtige Karlsruher Karl von Drais einen wichtigen Meilenstein hin zur Entwicklung des Fahrrads, wie wir es heute kennen. Dabei ist man mit dem Rad nicht nur schneller, sondern auch gesünder, günstiger und ökologischer unterwegs. Und wir sind endlich auf einem guten Weg. Immer mehr Leute steigen immer öfter aufs Rad. Hier sind acht Fakten zur aktuellen Realität: so weit ist Deutschland schon auf dem Weg zum Fahrradland.

Deutsche kaufen mehr E-Bikes als Dieselautos.

Nicht erst seit der Corona-Krise lieben wir Deutsche das Fahrrad, schon vorher gab es unfassbar viele Bikes auf unseren Straßen. Genauer gesagt 79,1 Millionen. Allein im Jahr 2020 kamen 5,04 Millionen Räder dazu – 40 % davon waren E-Bikes, wie eine Studie des Zweirad Industrie Verband (ZIV) bestätigt. Tendenz: stark steigend. Besonders spannend: Erstmals wurden im Jahr 2020 mehr Elektrofahrräder als Dieselautos verkauft. Wenn das kein Grund zur Freude ist!

Spannend: Autofahren kostet, Fahrradfahren spart Geld.

Prof. Stefan Gössling von der Lund University Kopenhagen und Andy S. Choi von der University of Queensland, Australien haben eine Studie vorgestellt, wonach jeder gefahrene Kilometer mit dem Auto Kosten in Höhe von 20 Cent für die Gesellschaft verursacht, während Radfahren auf gleicher Strecke rund 30 Cent spart. Grund für die signifikante Differenz sind Faktoren wie Lärm- und Luft-Verschmutzung, Straßenabnutzung sowie Gesundsheitseffekte (Stress, Unfälle etc.), welche nicht von Steuern und Abgaben gedeckt sind. Für den eigenen Geldbeutel sind die Ersparnisse sogar noch gravierender. Radfahren und damit Gutes tun – es ist so einfach.

Die Fahrradindustrie ist ein echter Jobmotor in Deutschland.

Bei jeder gesellschaftlichen Debatte rund ums Auto kommt schnell das Argument, die Autoindustrie sei wichtiger Jobmotor und Wirtschaftsfaktor – und das stimmt natürlich. Allerdings trifft das auch auf die Fahrradindustrie zu: Wie eine aktuelle Studie zeigt, sind 281.000 Beschäftigte in der Fahrradbranche tätig. Der Wirtschaftszweig setzt pro Jahr 37,7 Milliarden Euro rund ums Thema Fahrrad um. Dazu gehören Fahrräder, Komponenten, Taschen, Kleidung, aber auch die Einnahmen touristischer Betriebe durch Radurlauber. Beeindruckende Zahlen, welche die Relevanz des Rades als Wirtschaftsfaktor deutlich unterstreichen. Die Studie wurde vom Wuppertal Institut für Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule im Auftrag vom Bundesverband Zukunft Fahrrad (BVZF), Verbund Service und Fahrrad (VSF) und dem Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) in einem Zeitraum von 2013–2018 durchgeführt. Für das Jahr 2020 sind die Zahlen dank des enormen Booms garantiert noch beeindruckender!

Wir lieben Ordnung. Das sieht man auch bei den Radwegen. Aber dann auch wieder nicht.

Ordnung muss sein, vor allem bei uns in Deutschland. Die Ordnungswut, sie macht auch nicht vor dem Radweg halt – oder besser: der Vielzahl an Arten von Radwegen. Denn natürlich gibt es in Deutschland nicht einfach nur den einen Radweg. Es gibt: Radfahrstreifen, Schutzstreifen, Seitenstreifen, die Fahrradstraße, Radschnellwege und freigegebene Gehwege. Je nach Radweg gelten für den Nutzer unterschiedliche Rechten und Pflichten. Typisch Deutsch eben. Das Dilemma: Sie alle hier voll umfänglich vorzustellen, würde den Rahmen sprengen. Natürlich macht es im Grunde auch Sinn. Unterschiedliche Fahrsituationen brauchen unterschiedliche Standards. Nur das mit den Standards hat sich leider noch nicht durchgesetzt, da die jedes Bundesland einzeln definiert. Das ist in vielen deutschen Nachbarländern anders. Ein Radschnellweg sieht z.B. in den Niederlanden immer gleich aus.

Radwegebenutzungspflicht – ein typisches deutsches Wort mit deutschen Regeln.

Ja, wir lieben zusammengesetzte Substantive. Ein klassisches Beispiel ist die Radwegebenutzungspflicht. Dahinter verbirgt sich die Regelung, wann Radwege genutzt werden müssen. In der StVO steht dazu: Radwege müssen immer dann genutzt werden, „wenn die jeweilige Fahrtrichtung mit Zeichen 237, 240 oder 241 gekennzeichnet ist. Andere rechte Radwege dürfen sie benutzen. Sie dürfen ferner rechte Seitenstreifen benutzen, wenn keine Radwege vorhanden sind und Fußgänger nicht behindert werden.“ Vereinfacht gesagt: Gibt es ein rundes blaues Schild mit einem Fahrrad darauf, muss der Weg benutzt werden. Natürlich gibt es dann auch wieder Ausnahmen. Radfahrer dürfen nicht dazu gezwungen werden, sich selbst in Gefahr zu bringen, indem sie die Benutzungspflicht einhalten. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn im Winter die Radwege nicht vernünftig geräumt werden.

Der teuerste Radweg Deutschlands…

… entsteht in Hessen, zwischen den Orten Lorchhausen und Rüdesheim. Spatenstich war bereits im Jahr 2006; fertiggestellt werden soll der Weg im Jahr 2023. Er verläuft zum Teil auf einer Art Balkon über dem Rhein. Kosten für die 11,3 km lange Strecke am Ende: Vermutlich 115 Millionen Euro. Klingt unfassbar teuer und das ist es auch, denn geplant waren einmal 39 Millionen. Natürlich gab es die üblichen Kostenfallen (Blindgänger, Denkmalschutz, Hochwasserschutz). Wir wollen allerdings auch ehrlich sein: der Radweg war der Anlass für die Bauarbeiten, aber die kosten beinhalten auch die Verbreiterung der anliegenden Bundesstraße. Zum Vergleich: Allein ein einziger Kilometer des neuen Freiburger Stadt-Tunnels kostet rund 163 Millionen Euro. In der Regel kostet ein Kilometer Autobahn zwischen sechs und 20 Millionen Euro. Ein gewöhnlicher Kilometer Radweg dagegen liegt bei etwa 100.000 bis 200.000 Euro.

Unsere Radwege sind leider oft noch unsicher

Traurig, aber wahr, das ist das Ergebnis unzähliger Studien. Selbst der Automobilclub ADAC hat in einer Untersuchung in zehn Landeshauptstädten festgestellt, dass jeder dritte Radweg in deutschen Städten zu schmal ist. Die Stadt München empfiehlt seinen Bürger häufig sogar, besser die Straße als den Radweg zu nutzen. Der Grund: auf dem Radweg werden Fahrradfahrer später erkannt und das Unfallrisiko steigt. Positiv hat sich entwickelt, dass in der ersten Phase der Corona-Pandemie schnell und unbürokratisch reagiert wurde, als in vielen deutschen Städten Pop-Up-Radwege entstanden sind. Jetzt gilt es, dass diese auch fest etabliert werden.

Es gibt Hoffnung – immer mehr Geld für die Rad-Infrastruktur

Erst kürzlich gab der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer bekannt: „Wir wollen Deutschland zum Fahrradland machen!“ Dass das nicht über Nacht funktioniert, ist klar. Was dabei aber sicher hilft, sind die 1,46 Milliarden Euro, die mit dem „Radverkehrsplan 3.0“, bis 2023 fließen sollen. Ziel ist es, den Radverkehr im Land zu verdoppeln. Das bedeutet, dass wir Deutschen bis 2030 schon 240 Millionen Kilometer mit dem Rad auf sicheren Wegen zurücklegen – und zwar am Tag. Dafür ist auch geplant, die Raumverteilung neu zu denken und Flächen, die aktuell vom Autoverkehr genutzt werden, umzuwandeln. Wie schnell diese Transformation jedoch geschieht, hängt stark von den Städten und Kommunen ab. Sie müssen die Maßnahmen planen, beauftragen und Anträge stellen. In einer Studie in München wurden die im letzten Jahre errichteten Pop-Up Radwege ausgewertet, um daraus weitere Planungsmaßnahmen abzuleiten. Dabei wurde aufgrund des geringen Feedbacks aus der Bevölkerung die Maßnahme zum Teil in Frage gestellt.

Es liegt also auch an uns, auf lokaler Ebene mehr Infrastruktur für den Radverkehr einzufordern – lasst es uns angehen. Oder besser: erfahren!

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